Dr. Dorit Baucke im Interview

Mach dein Ding, nicht sein Ding!

Scrum

Dr. Dorit Baucke, Leiterin der Leaders Academy Paderborn – Bielefeld, im Interview zum Thema „Frauen in Führungspositionen“.

Gibt es Unterschiede im Führungsverhalten weiblicher und männlicher Führungskräfte? Wir haben Dr. Dorit Baucke, Akademieleiterin der Leaders Academy Paderborn – Bielefeld, zum Interview eingeladen, um uns eine Antwort auf diese Frage zu geben. 

Als ehemalige Führungskraft in namenhaften DAX- und M-DAX-Unternehmen begleitet Dr. Dorit Baucke heute angehende und erfahrene Führungskräfte bei deren persönlicher Entwicklung – hin zu mehr Selbstbewusstsein, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit. Zum Thema „Frauen in Führungspositionen“ hat sie klar die Meinung, dass Frauen anfangen müssen sich gegenseitig zu unterstützen und ihrem eigenen Können mehr Vertrauen zu schenken.

Wo liegen aus deiner Sicht die Ursachen, dass die Quote von Frauen in Führungspositionen bei 29,5% liegt?

Für mich ist ein wesentlicher Grund, dass wir im Grunde gar keine Quote haben. Das hat sich bis zu einem gewissen Punkt von unter 10% auf 30 % entwickelt und jetzt tut sich da freiwillig nicht mehr viel. Ich halte es für wichtig, dass wir den Frauenanteil erhöhen können. Einfach aus dem Grund, dass wir auch so dem typischen Problem weiblicher Führungskräfte entgegenwirken können.

Was sind die typischen Probleme weiblicher Führungskräfte?

Weibliche Führungskräfte haben häufig keine Vorbilder. Ich habe in meinen Trainings Geschäftsführerinnen, die gerade die Unternehmen von ihren Vätern übernehmen. Und ich sehe, wie mir diese an den Lippen hängen, weil sie endlich mal eine Frau sehen, die Führungserfahrung hat. Sie kennen sonst nur das, was ihr Daddy gemacht hat. Nicht nur, dass es sich hierbei um verschiedene Generationen handelt, dieses Problem haben die Jungs heute ebenso, sondern auch, dass es meist das andere Geschlecht ist, an dem sie sich orientieren müssen. Das sind sicher Probleme, die sie haben. Keine Vorbilder und keine Möglichkeiten zum Netzwerken. Sie fühlen sich häufig allein gelassen.

Was würdest du Frauen empfehlen? Welche Skills sind aus deiner Sicht notwendig, um eine Führungsposition zu erreichen?

Ich glaube dazu gehört vor allem, dass man Führungsverantwortung will – man muss gestalten wollen. Und dazu braucht man auch ein gewisses Streben nach Macht. Ebenso wie Durchsetzungsstärke, dass man sagt „Ich gestalte hier und ich setze das auch gegen Widerstand durch“.

Für mich gehört auch Überzeugungskraft und Durchhaltevermögen dazu. Es nützt Frauen nichts in Führungspositionen, wenn sie lamentieren „Oh, da sind so viele Männer“. Denn wenn man diesen Glaubenssatz hat, wird das ganz sicher auch so sein. Ich vergleiche das gerne mit dem Roger Bannister Effekt. Wenn sich noch mehr Frauen trauen, einfach das zu tun, was sie wollen und ihr eigenes Ding machen, dann wird der Anteil steigen und zwar in den Unternehmen, wo es ihnen nicht ganz so schwer gemacht wird.

Meine Tipps auf einen Blick

  • Machtstreben entwickeln
  • Durchsetzungsstärke aufzeigen
  • Überzeugungskraft einsetzen
  • Durchhaltevermögen behalten

Wie hoch ist der Frauenanteil unter deinen Teilnehmer*innen?

Der Frauenanteil unter meinen Teilnehmer*innen liegt bei ca. 20 %. Ich bin sehr froh, dass ich viele junge Geschäftsführerinnen habe, die ich auch dazu animieren kann an ihrer Führungskompetenz zu arbeiten. Ich würde mich aber freuen, wenn dieser Anteil noch deutlich höher wäre.

Führen Frauen grundsätzlich anders als Männer und wo liegen die signifikanten Unterschiede?

Ich weiß gar nicht, ob Frauen und Männer so anders führen. Ich sehe nur, dass Frauen durch ihre Sozialisierung häufig das Problem haben, dass sie einfach nicht sagen, was sie wollen. Wenn ich meinem männlichen Chef nicht sage, was ich will, dann werde ich wahrscheinlich auch nicht das kriegen, was ich haben möchte. Frauen neigen eher dazu darauf zu warten, entdeckt zu werden, anstatt zu sagen was sie in den nächsten Jahren erreichen möchten.

Das gleiche gilt für das Thema Gehaltsverhandlungen. Frauen fragen nicht nach Gehaltserhöhung. Männer fragen immer nach Gehaltserhöhung. Pauschalisiert gesagt habe ich es in etwa bei 90% der Männer und 10% der Frauen gesehen. Auch wenn eine Führungsposition zu besetzen ist habe ich häufig von Frauen gehört. „Traust du mir das zu?“. Bei einem Mann war das ganz klar „Wann kann ich anfangen? Wie ist die Gehaltserhöhung? Und wann bekomme ich welchen Dienstwagen?“.

Ich denke im Großen und Ganzen hat das alles mit der Sozialisierung zu tun. Wo sind wir groß geworden? Wie sind wir erzogen worden? Man sagt zwar heute, dass das neutraler ist, aber ich sehe immer noch viel Rosa und Blau.

Als Vorbildfunktion für viele Frauen – was ist deine zentrale Botschaft, die du aus deiner Erfahrung weitergeben würdest?

Fangt an zu netzwerken und euch gegenseitig zu unterstützen. Männer sind da meiner Erfahrung nach wettbewerbsorientierter. Sie „kabbeln“ sich und möchten gewinnen. Aber wenn das Projekt vorbei ist oder man am Abend zusammensitzt, sind sie in der Lage miteinander ein Bier zu trinken. Wir Frauen nehmen uns viele Dinge gegenseitig viel zu persönlich. Das hat definitiv mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun. Man muss es Frauen aber auch beibringen. Viele Dinge im Business laufen eben anders als zu Hause, wo Harmonie vielleicht im Vordergrund steht. Das ist für mich ein Punkt, der wesentlich ist.

Das versuchen wir auch in unseren Trainings zu fördern. Netzwerkt und unterstützt euch anschließend. Schiebt euch gegenseitig auch gute Jobs zu, wenn ihr wisst, wo welche sind. Ruft eure Kolleginnen an, trefft euch zum Netzwerken. Ihr könnt euch natürlich auch mit Männern treffen, nicht nur untereinander. Aber wenn ihr eine gute Frau kennt, dann schlagt sie auch für den Job vor. Da sind Männer wesentlich weniger zurückhaltend als Frauen. Frauen denken viel zu oft darüber nach, ob das jetzt der perfekte Job ist und alle Erwartungen erfüllt werden können.

Beschäftigt euch außerdem mit den Spielen der Macht in den hohen Etagen. Wie wird Business gemacht? Männerhierarchie funktioniert einfach anders als Frauenhierarchie. Das heißt nicht, dass ich mich hier anpassen muss. Aber ich finde es wichtig, dass ich diese Spielregeln erst einmal kennenlerne. Wenn ich Schach spielen will, muss ich die Regeln schließlich auch kennen. Das heißt nicht, dass ich es genauso machen muss wie meine männlichen Kollegen. Wenn ich aber ständig auf blinden Fleck lauf, ist es schwierig zu lernen, wie Hierarchien funktionieren.

Wenn eine Frau eine Führungsposition haben möchte, würde ich raten: Sucht euch Unternehmen, wo das heute schon möglich ist. Wo nicht nach Männern und Frauen unterschieden wird. Sucht euch vielleicht nicht zwingend ein traditionelles Unternehmen, auch wenn es ein großes Unternehmen ist. Schaut wo ihr euch mit euren Stärken einbringen könnt. Denn ich finde es gibt nichts schlimmeres, als wenn Frauen anfangen, sich zu verbiegen und versuchen so zu sein wie, plakativ gesagt, harte Männer.

„Wenn du eine Leaderin sein willst, dann darfst du nicht fleißig sein. Fleißig sind Bienchen. Leader sind nicht fleißig. Leader sagen, wo sie lang wollen. Dass man dafür viel arbeitet, ist eine andere Sache. Aber sei nicht fleißig im Sinne von abarbeiten, sondern schau wo sind die Dinge, die dich nach vorne bringen, wo du Führung übernehmen kannst.Dr. Dorit Baucke,
Leaders Academy Paderborn – Bielefeld

Es gibt einen schönen Spruch: „Die Welt tritt zur Seite und lässt jemanden vorbei, der weiß, wohin er will.“ Und das gilt auch für Frauen, nicht nur für Männer. Deswegen sage ich den Frauen auch: Traut euch! Habt Mut! Macht es so, wie ihr denkt, dass es ein gutes Führungsverhalten ist und lasst euch nicht davon abbringen. Auch wenn mal jemand sagt „Oh, da ist eine Zicke“ oder „Du kannst das überhaupt nicht und ein Chef hätte das so und so gemacht“. Setzt euch mit euren Stärken durch und versucht sie dort so gut wie möglich zu leben.

Last but not least sage ich: Kompetenz ist wichtig für Leadership. Aber es ist nicht die Fachkompetenz – Es ist die Kompetenz, sich in einem sehr gemischten Feld behaupten zu können. Vielleicht auch mal irgendwo rein zu grätschen, aber vor allen Dingen nicht beleidigt zu sein, sondern aufzustehen und loszugehen.

Mach dein Ding, nicht sein Ding!